Vergiss nicht auf das Böse und nimm den Zauberstab auch zum Einkaufen mit
Liebe Anna,
es macht ja doch keinen Sinn sich zu entschuldigen. Du weist ja wie es ist.
Ich hab mir dieses Semester vorgenommen viel zu tun.
Ausserdem steh ich jetzt jeden Tag früh auf.
Das hat allerdings zur Folge, dass ich, wenn ich mal zuhause bin, kaum einen klaren Gedanken zustande bringe und mich in erster Line darauf konzentriere wach zu bleiben (weil früh ins Bett zu gehen schaff ich nicht, im Gegensatz zu A. Aber dazu vielleicht später).
Ergo keine Briefe an dich.
Jetzt in Woche 4. geht mir langsam die Energie aus. Das ist zu früh, aber ich hab eben immer noch einen Ferien-jetlag.
Von meiner Familie kommen Worte wie „Energiehaushalt“, „Disziplin“ oder „Zeitmanagment“.
Von F. Kommentare wie „ich schlaf dann halt nicht“, „Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich“ letzteres kenn ich von O. zur genüge und es jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken wie auch „Zum Bleistift“, „Familienbeihilfe“, „Karriere“ oder "Quarterlifecrisis"...
Apropos Quaterlifecrisis:
Letztens sitze ich doch endlich in meiner ersten Vorlesung zur Genderforschung und, wie es sich für eine ordentliche Einführung gehört, werden die ersten Frauennbewegungen chronologisch kurz erläutert. Neben mir sitzt L. Eine übermotivierte 19jährige. Als von verbrannten Bhs in den 1968ern die Rede ist, fängt sie laut an zu lachen („Entschuldigung, da kommt die Latina in mir durch“) und fragt mich ratlos wozu das gut sein soll.
Oh, ich hab mich ja so alt gefühlt, Anna. Fast so, als wäre ich dabei gewesen, beim Bh verbrennen.
L. War es auch, die mich ihren Freundinnen mit den Worten
„Das ist Carla, sie war bei der Audimaxbesetzung damals dabei“ vorgestellt hat.
Naja, immer noch besser als K. Die ihren neuen Freund mit
„Das ist R., er kennt viele Leute bei Fm4“ präsentiert hat.
Bei K. Fühle ich mich auch alt, trotz ihrer 26 Lenze und auf eine gute Art.
Sie steht auf Justin Bieber, hat mich tatsächlich dazu gebracht Twilight anzusehen und verhält sich mit zunehmendem Alkoholpegel wie ein pubertierendes Miststück.
Oh, da wünsch ich mir öfter mal deine Mama, um ihr die Leviten zu lesen! Ich glaub, sie würde diese Aufgabe gern und auch stilvoll übernehmen.
K. hat übrigens auch einen Zauberstab, aber Harry Potter findet sie blöd und dabei hat sie ihn zwar nur zum feiern, vermutlich aber aus den selben Gründen wie der kleine M.
Ein kluges Kind, wie ich finde.
Gut und Böse.
Die Grenzen dazwischen machen mich oft ein wenig wirr.
Wenn ich M. Blöd finde, mich aber V. Zu liebe mit ihr treffe und Spaß hab, aber weis sie ist eigentlich blöd, darf ich dann Spaß haben?
Ist es ok, nicht abzuheben wenn F. Anruft, weil man sein Gelaber über sein stressiges, aufregendes Leben nicht hören mag?
Und natürlich ist es von der dicken alten Frau gemein, mich zu beschimpfen weil ich es gewagt hab, 5 Sekunden länger als nötig vor dem Eingang stehen zu bleiben....
An dieser Stelle würde auch ein kurzer Bericht über das Zusammentreffen mit ein paar uns beiden wohlbekannten Salzburgern letztes Wochenende sinnmachen, aber ich will dich ja weder langweilen noch depremieren...
Lieber bitte ich dich, dir mein Gesicht bei folgendem Erlebnis vorzustellen (ja, auch hier geht es um Gut und Böse, wenn auch eher im Sinne „Jenseits von Gut und Böse“):
Vor einiger Zeit war Weltfrauentag.
Dessen war ich mir bewusst.
Ich gehe also Morgens an der Bank vorbei und wundere mich nur kurz über die Frauen die Backwaren vor der Bank verkaufen (bestimmt eine sarkastische Anspielung auf die informalisierte Arbeit der Frauen in Haushalt und illegalen Dienstleistungsverhältnissen) oder die Apothekerinnen die sich aus Erste-Hilfe-Folien Röcke und Bikinis gebastelt haben
(ganz klar, gegen die Sexualisierung in und dem körperfeindlichen Bild der Diätpräparat Werbungen).
Nachmittags am Nachhauseweg kommen mir auffällig viele gutgelaunte und überdrehte Leute entgegen.
Bestimmt Vollmond oder so.
Kurz vor Ladenschluss muss ich noch unbedingt Brot kaufen gehen und frage mich warum der Hundehaufen vor unserer Tür, ebenso wie der Rest der Straße, von Glitzerkonfetti bedeckt ist.
Erst als mir die bunten Girlanden am Spar Eingang entgegen leuchten wird mir heiß und kalt zugleich:
Es ist Faschingsdienstag!
Aber da ist es schon zu spät: "Bier oder Cola?" schreit mir eine als Panzzerknacker verkleidete dicke Verkäuferin entgegen „nichts“ stammel ich und dreh meinen mp3 Player lauter.
Als sie sich wieder umdreht seh ich die Rückseite ihres Kostüms: Polizeiuniform. Genial? Ich denke schon.
Nur für Brot und ein bisschen Milch bin ich 20 Minuten durch die Hölle gegangen.
Wer konnte aber auch ahnen, dass ausgerechnet der kleine Spar bei uns ums Eck mit Ottakringerrollwagen und Faschingskrapfenverkostung eine Art Epizentrum des Volksspaßes seinwürde?
Ich hab mich danach erstmal für eine Stunde im Schlafzimmer versteckt.
Wie du das jedes Jahr aushältst ist mir ein Rätsel, aber ich glaube du hast erwähnt, dass du in deinem Viertel relativ verrschont bleibst und man kann wohl auch eine Zeit lang seinen Bewegungradius einschränken. Ich jedenfalls, geh nächsten Februar nur noch zum Zielpunkt.
Bis bald, liebe Anna! Ich vermiss es mit dir irgendwo zu sitzen und deine Weisheiten anzuhören, das macht das Leben immer irgendwie leichter und verständlicher.
Kuss und Gruß
Carla
P.S. Aufstehen tu ich nur weil der H. Mit stoischen Ruhe täglich mindestens eine Stunde damit verbringt, mich aufzuwecken. In dem er auf mich einredet wie auf ein krankes Pferd, Tee kocht Musik aufdreht und Fenster öffnet.
P.P.S. Die A. steht seit Monaten so auf, dass sie um 9 uhr auf der Bibliothek sein kann um zu lernen. Dementsprechend geht sie auch gegen 23 uhr schlafen, nicht auszudenken, was man da alles versäumen würde (3.klassiges Fernsehen, Überflüssige nicht lustige Trinkeskapaden, sinnentleertes Facebook stalken und posten...die Liste ist, mal wieder, endlos)!
Aber als sie mich fragte, ob ich denn jetzt nicht langsam zu alt für ein Lippenpiercing sei hab ich mir aber doch ein wenig Sorgen gemacht.
P.P.P.S. Ich werde mir auf der Stelle ein paar Kampfbrötchen zulegen. Zu den verständnislosen Fleischessern möchte ich nur folgendes sagen:
Ihre Zahl steigt proportional zu ihrem Alter und dem Abstand von ihrem Zuhause zum Meeresspiegel, ausserdem wächst die Chance auf Unverständnis zu stoßen je weiter man gen Osten wandert und wenn man sich zufälligerweise in Gegenwart von Boku (Universität für Bodenkultur) StudentInnen befindet.
P.P.P.P.S. Ich bin dafür auszuprobieren wie viele P.s man an das P.S. Hängen kann. Ich sehe da noch Potenzial.
es macht ja doch keinen Sinn sich zu entschuldigen. Du weist ja wie es ist.
Ich hab mir dieses Semester vorgenommen viel zu tun.
Ausserdem steh ich jetzt jeden Tag früh auf.
Das hat allerdings zur Folge, dass ich, wenn ich mal zuhause bin, kaum einen klaren Gedanken zustande bringe und mich in erster Line darauf konzentriere wach zu bleiben (weil früh ins Bett zu gehen schaff ich nicht, im Gegensatz zu A. Aber dazu vielleicht später).
Ergo keine Briefe an dich.
Jetzt in Woche 4. geht mir langsam die Energie aus. Das ist zu früh, aber ich hab eben immer noch einen Ferien-jetlag.
Von meiner Familie kommen Worte wie „Energiehaushalt“, „Disziplin“ oder „Zeitmanagment“.
Von F. Kommentare wie „ich schlaf dann halt nicht“, „Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich“ letzteres kenn ich von O. zur genüge und es jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken wie auch „Zum Bleistift“, „Familienbeihilfe“, „Karriere“ oder "Quarterlifecrisis"...
Apropos Quaterlifecrisis:
Letztens sitze ich doch endlich in meiner ersten Vorlesung zur Genderforschung und, wie es sich für eine ordentliche Einführung gehört, werden die ersten Frauennbewegungen chronologisch kurz erläutert. Neben mir sitzt L. Eine übermotivierte 19jährige. Als von verbrannten Bhs in den 1968ern die Rede ist, fängt sie laut an zu lachen („Entschuldigung, da kommt die Latina in mir durch“) und fragt mich ratlos wozu das gut sein soll.
Oh, ich hab mich ja so alt gefühlt, Anna. Fast so, als wäre ich dabei gewesen, beim Bh verbrennen.
L. War es auch, die mich ihren Freundinnen mit den Worten
„Das ist Carla, sie war bei der Audimaxbesetzung damals dabei“ vorgestellt hat.
Naja, immer noch besser als K. Die ihren neuen Freund mit
„Das ist R., er kennt viele Leute bei Fm4“ präsentiert hat.
Bei K. Fühle ich mich auch alt, trotz ihrer 26 Lenze und auf eine gute Art.
Sie steht auf Justin Bieber, hat mich tatsächlich dazu gebracht Twilight anzusehen und verhält sich mit zunehmendem Alkoholpegel wie ein pubertierendes Miststück.
Oh, da wünsch ich mir öfter mal deine Mama, um ihr die Leviten zu lesen! Ich glaub, sie würde diese Aufgabe gern und auch stilvoll übernehmen.
K. hat übrigens auch einen Zauberstab, aber Harry Potter findet sie blöd und dabei hat sie ihn zwar nur zum feiern, vermutlich aber aus den selben Gründen wie der kleine M.
Ein kluges Kind, wie ich finde.
Gut und Böse.
Die Grenzen dazwischen machen mich oft ein wenig wirr.
Wenn ich M. Blöd finde, mich aber V. Zu liebe mit ihr treffe und Spaß hab, aber weis sie ist eigentlich blöd, darf ich dann Spaß haben?
Ist es ok, nicht abzuheben wenn F. Anruft, weil man sein Gelaber über sein stressiges, aufregendes Leben nicht hören mag?
Und natürlich ist es von der dicken alten Frau gemein, mich zu beschimpfen weil ich es gewagt hab, 5 Sekunden länger als nötig vor dem Eingang stehen zu bleiben....
An dieser Stelle würde auch ein kurzer Bericht über das Zusammentreffen mit ein paar uns beiden wohlbekannten Salzburgern letztes Wochenende sinnmachen, aber ich will dich ja weder langweilen noch depremieren...
Lieber bitte ich dich, dir mein Gesicht bei folgendem Erlebnis vorzustellen (ja, auch hier geht es um Gut und Böse, wenn auch eher im Sinne „Jenseits von Gut und Böse“):
Vor einiger Zeit war Weltfrauentag.
Dessen war ich mir bewusst.
Ich gehe also Morgens an der Bank vorbei und wundere mich nur kurz über die Frauen die Backwaren vor der Bank verkaufen (bestimmt eine sarkastische Anspielung auf die informalisierte Arbeit der Frauen in Haushalt und illegalen Dienstleistungsverhältnissen) oder die Apothekerinnen die sich aus Erste-Hilfe-Folien Röcke und Bikinis gebastelt haben
(ganz klar, gegen die Sexualisierung in und dem körperfeindlichen Bild der Diätpräparat Werbungen).
Nachmittags am Nachhauseweg kommen mir auffällig viele gutgelaunte und überdrehte Leute entgegen.
Bestimmt Vollmond oder so.
Kurz vor Ladenschluss muss ich noch unbedingt Brot kaufen gehen und frage mich warum der Hundehaufen vor unserer Tür, ebenso wie der Rest der Straße, von Glitzerkonfetti bedeckt ist.
Erst als mir die bunten Girlanden am Spar Eingang entgegen leuchten wird mir heiß und kalt zugleich:
Es ist Faschingsdienstag!
Aber da ist es schon zu spät: "Bier oder Cola?" schreit mir eine als Panzzerknacker verkleidete dicke Verkäuferin entgegen „nichts“ stammel ich und dreh meinen mp3 Player lauter.
Als sie sich wieder umdreht seh ich die Rückseite ihres Kostüms: Polizeiuniform. Genial? Ich denke schon.
Nur für Brot und ein bisschen Milch bin ich 20 Minuten durch die Hölle gegangen.
Wer konnte aber auch ahnen, dass ausgerechnet der kleine Spar bei uns ums Eck mit Ottakringerrollwagen und Faschingskrapfenverkostung eine Art Epizentrum des Volksspaßes seinwürde?
Ich hab mich danach erstmal für eine Stunde im Schlafzimmer versteckt.
Wie du das jedes Jahr aushältst ist mir ein Rätsel, aber ich glaube du hast erwähnt, dass du in deinem Viertel relativ verrschont bleibst und man kann wohl auch eine Zeit lang seinen Bewegungradius einschränken. Ich jedenfalls, geh nächsten Februar nur noch zum Zielpunkt.
Bis bald, liebe Anna! Ich vermiss es mit dir irgendwo zu sitzen und deine Weisheiten anzuhören, das macht das Leben immer irgendwie leichter und verständlicher.
Kuss und Gruß
Carla
P.S. Aufstehen tu ich nur weil der H. Mit stoischen Ruhe täglich mindestens eine Stunde damit verbringt, mich aufzuwecken. In dem er auf mich einredet wie auf ein krankes Pferd, Tee kocht Musik aufdreht und Fenster öffnet.
P.P.S. Die A. steht seit Monaten so auf, dass sie um 9 uhr auf der Bibliothek sein kann um zu lernen. Dementsprechend geht sie auch gegen 23 uhr schlafen, nicht auszudenken, was man da alles versäumen würde (3.klassiges Fernsehen, Überflüssige nicht lustige Trinkeskapaden, sinnentleertes Facebook stalken und posten...die Liste ist, mal wieder, endlos)!
Aber als sie mich fragte, ob ich denn jetzt nicht langsam zu alt für ein Lippenpiercing sei hab ich mir aber doch ein wenig Sorgen gemacht.
P.P.P.S. Ich werde mir auf der Stelle ein paar Kampfbrötchen zulegen. Zu den verständnislosen Fleischessern möchte ich nur folgendes sagen:
Ihre Zahl steigt proportional zu ihrem Alter und dem Abstand von ihrem Zuhause zum Meeresspiegel, ausserdem wächst die Chance auf Unverständnis zu stoßen je weiter man gen Osten wandert und wenn man sich zufälligerweise in Gegenwart von Boku (Universität für Bodenkultur) StudentInnen befindet.
P.P.P.P.S. Ich bin dafür auszuprobieren wie viele P.s man an das P.S. Hängen kann. Ich sehe da noch Potenzial.
ichmagaber - 28. Mär, 13:49

