Marmelade kochen oder die sprachlichen Verlogenheiten unseres Alltags
Wiesbaden, der 23.11.2010
Liebe Carla,
ich habe tatsächlich mal Tennis gespielt. Aber, dass du mal Kampfsport betrieben hast, das fällt mir schwer zu glauben. Was kommt als nächstes? Eine A., die uns beichtet neben dem langjährigen Klavierstudium, etliche Modern Dance Erfahrungen gesammelt zu haben?
Also wahre Freundschaft ist, wenn man mit den Jahren immer mehr Details über die Abgründe des Anderen erfährt, daran galube ich fest.
Und wenn wir gerade bei Abgründen sind. Ja ich habe tatsächlich mal Tennis gespielt und ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn deine Oma mich als Enkelin adoptieren würde, aber nur wenn es die Oma ist, die dir täglich bis zu zwei Paar selbstgestrickte Socken zukommen lässt.
Mag sein, dass ich ein wenig übetreibe.
Ich habe ja eine wahre Affinität zu selbstgemachten Dingen- allerdings nur wenn nicht ich sie selber gemacht hab. Bei anderen Menschen ist das für mich ein Zeichen für Qualität. Ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die auf einem Wochenmarkt ein Glas selbstgemachter Marmelade kaufen und dabei noch denken mit 5.99 für das Glas ein echtes Schnäppchen gemacht zu haben- weil das musst du dir mal vorstellen die dicke, rotwangige Bäuerin, die ist ja frühmorgens aufgestanden und im Nebel die Himbeeren suchen gegangen, die sie dann unter den größten Anstrengungen eingemacht ( ein wunderschönes Wort, wie ich finde) hat.
Meine eigenen Versuche Marmelade zu kochen haben es nie bis aufs Brot geschafft. Ich meine es schmeckt schon nicht weil die ganze Vorgeschichte fehlt. Oder weil es die falsche ist. Da ist nichts mehr übrig von der Romantik, die ein Marmeladengals sonst so mit sich bringt.
Ich pflückte meine Erdbeeren in der Mittagshitze, da ich es natürlich nicht geschafft habe, wie geplant um 8.00 morgens aufzustehen. Es ist ja auch nicht so, dass ich irgendwelche geheimen Ecken kenne, wo die süßen Waldbeeren wachsen, ein Familiengeheimnis, das schon meine Urgoßmutter meiner Großmutter und die meiner Mutter gesagt hat. Scheiße nein. Ich stand einfach auf einem dieser Erdbeerfelder wo man quasi fürs Pflücken mitbezahlt. Man hat mehr Arbeit, es kostet mehr Geld, aber man hat auch gleichzeitig dieses unbeschreibliche Gefühl. Was für ein Gefühl das sein könnte, konnte ich nur erahnen, während mir Hinz und Kunz aus der Nachbarschaft auf die Füße traten – allesamt keine sehr sympathischen Menschen, die da in der Natur, welche auf ein halbes Fußballfeld begrenzt ist, zu enstpannen versuchten und ich merkte schnell, dieser Naturgedanke muss aus einer gestressten Büroangestellten noch lange keine lächelnde Erntehelferin machen.
Die Hälfte der Erdbeeren waren noch übrig, als ich zuhause ankam, ein Viertel der anderen Hälfte hatte ich schon aufgegessen, das andere Viertel schreiend weggeschmissen, nachdem ich diverses Getier drüber krabbeln gesehen hab. Spätestens hier hab ich aufgegeben.
Das war mal mein Versuch Anfang Dezember über ein ganz und gar unaktuelles Thema zu schreiben. Würde gerne nächste Woche mal von dir etwas hören, dass mit der Wasserqualität in Freibädern zu tun hat. Wehe in einem deiner nächsten Briefe kommen irgendwie die Worte Advent, Adventskalender oder Adventskranz vor.
Also Freibäder, ja?
Falls du überhaupt bis hierhin gelesen hast.
Aber wir waren bei den Abgründen.
Also etwas, das für mich in jedem Fall mit Abgründen zutun hat, das sind die sprachlichen Verlogenheiten. Ich meine das keiner mehr das zu meinen scheint, was er sagt. Und je bedeutender der gesellschaftliche Status, desto größer die Verlogenheit. Das klingt jetzt erst mal so nach Klassenkampf, aber warte mal.
Also pass auf. Ich war gestern mit N. auf der Weihnachtsfeier ihrer Firma. Nur gut betuchte Menschen, Frauen widerlich aufgerüscht, Männer schlicht ekelhaft. Und ich dazwischen verstehe auf einmal warum es einen Sektempfang gibt. Ich brauche in diesem Moment auf jeden Fall etwas, an dem ich mich festhalten kann. Wie auch immer es kommt eine Dame auf mich zu. Eine Dame zwar, owohl kaum älter als wir, aber halt dieses damenhafte. Haare vom Friseur gewaschen und gelegt ( ja es gibt tatsächlich Menschen, die zum Friseur gehen, ohne sich die Haare schneiden zu lassen), das Kleid teuer und passend zu Schuhen und selbst die Haarspange greift irgendwie das graphische Design der Tasche auf.
Auf jeden Fall wir werden vorgestellt. Ich sage " Anna,Hallo", und W., wie sie heißt sagt "Hallo Anna, sehr erfreut dich kennen zu lernen".
Sagt sie mit einem Lächeln und wiegt ihr perfekt geschminktes Gesicht hin und her, während ihr eine Locke wie zufällig in die Stirn fällt.
Und ich frage mich wieso sollte es sie freuen ausgrechnet mich kennen zu lernen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es an den zahlreichen Gemeinsamkeiten liegt, die uns verbinden.
Ich meine ich sage ja auch "Guten Abend". Aber das mein ich ja auch so. Es gibt wenige Leute, denen ich nicht einen guten Abend wünschen würde. Weil, was heißt das schon. Einen guten Abend im Leben hat ja jeder irgendwie verdient. Also fast jeder.
Nach dem Fünf-Gänge Menü bin ich, auf dem Weg nach draußen treffe ich W. wieder.
"Hat mich sehr gefreut sie kennen zulernen" sagt sie zu einem Mann mit Fliege, der schon einige dieser Menüs hinter sich zu haben scheint.. Wenn man gemein sein möchte könnte man sagen: Er ist unglaublich fett. Aber das tut der Nettigkeit der Dame keinen Abbruch. Denn wenn du der Chef bist, dann kann keine Wampe der Welt dich vor Sympathiebekundungen schützen.
Ich denk mir nur. Mal abwarten vielleicht verabschiedet sie sich ja auch noch von mir und dann werde ich ihr mal was erzählen, über die sprachlichen Verlogenheiten unseres Alltags. Und während mein Kopf, na gut einige Gläser Halbtrockenes intus, schon eine wahre Hassrede vorbereitet, wendet sie sich zu mir,
"Wir haben uns ja schon kennengelernt"
sagt sie mit hochgezogener Augenbraue, die Locke steht ab, und das Lächeln wirkt ein wenig eingefroren.
Und ich stelle bestürzt fest, dass ihr die Wahrheit wirklich nicht steht.
Soviel von mir,
Alles Liebe Anna
PS: Wahrscheinliche bin ich der einzige Mensch, der zwei Seiten schreibt, aber kaum etwas erzählt – Adalbert Stifter jetzt mal ausgenommen.
PPS: Meine Mitbewohner haben meine neu entflammte Sammelleideschaft gnadenlos boykottiert und alle Pfandflaschen weggeschmissen
PPPS: Auf dein Erlebenis mit H. Bin ich bewusst nicht eingegangen. Denn dann hätte ich meinerseits über meine Erfahrungen mit der Katzen kastrierenden E. schreiben müssen. Das wäre eindeutig zu weit gegangen.
Liebe Carla,
ich habe tatsächlich mal Tennis gespielt. Aber, dass du mal Kampfsport betrieben hast, das fällt mir schwer zu glauben. Was kommt als nächstes? Eine A., die uns beichtet neben dem langjährigen Klavierstudium, etliche Modern Dance Erfahrungen gesammelt zu haben?
Also wahre Freundschaft ist, wenn man mit den Jahren immer mehr Details über die Abgründe des Anderen erfährt, daran galube ich fest.
Und wenn wir gerade bei Abgründen sind. Ja ich habe tatsächlich mal Tennis gespielt und ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn deine Oma mich als Enkelin adoptieren würde, aber nur wenn es die Oma ist, die dir täglich bis zu zwei Paar selbstgestrickte Socken zukommen lässt.
Mag sein, dass ich ein wenig übetreibe.
Ich habe ja eine wahre Affinität zu selbstgemachten Dingen- allerdings nur wenn nicht ich sie selber gemacht hab. Bei anderen Menschen ist das für mich ein Zeichen für Qualität. Ich gehöre tatsächlich zu den Menschen, die auf einem Wochenmarkt ein Glas selbstgemachter Marmelade kaufen und dabei noch denken mit 5.99 für das Glas ein echtes Schnäppchen gemacht zu haben- weil das musst du dir mal vorstellen die dicke, rotwangige Bäuerin, die ist ja frühmorgens aufgestanden und im Nebel die Himbeeren suchen gegangen, die sie dann unter den größten Anstrengungen eingemacht ( ein wunderschönes Wort, wie ich finde) hat.
Meine eigenen Versuche Marmelade zu kochen haben es nie bis aufs Brot geschafft. Ich meine es schmeckt schon nicht weil die ganze Vorgeschichte fehlt. Oder weil es die falsche ist. Da ist nichts mehr übrig von der Romantik, die ein Marmeladengals sonst so mit sich bringt.
Ich pflückte meine Erdbeeren in der Mittagshitze, da ich es natürlich nicht geschafft habe, wie geplant um 8.00 morgens aufzustehen. Es ist ja auch nicht so, dass ich irgendwelche geheimen Ecken kenne, wo die süßen Waldbeeren wachsen, ein Familiengeheimnis, das schon meine Urgoßmutter meiner Großmutter und die meiner Mutter gesagt hat. Scheiße nein. Ich stand einfach auf einem dieser Erdbeerfelder wo man quasi fürs Pflücken mitbezahlt. Man hat mehr Arbeit, es kostet mehr Geld, aber man hat auch gleichzeitig dieses unbeschreibliche Gefühl. Was für ein Gefühl das sein könnte, konnte ich nur erahnen, während mir Hinz und Kunz aus der Nachbarschaft auf die Füße traten – allesamt keine sehr sympathischen Menschen, die da in der Natur, welche auf ein halbes Fußballfeld begrenzt ist, zu enstpannen versuchten und ich merkte schnell, dieser Naturgedanke muss aus einer gestressten Büroangestellten noch lange keine lächelnde Erntehelferin machen.
Die Hälfte der Erdbeeren waren noch übrig, als ich zuhause ankam, ein Viertel der anderen Hälfte hatte ich schon aufgegessen, das andere Viertel schreiend weggeschmissen, nachdem ich diverses Getier drüber krabbeln gesehen hab. Spätestens hier hab ich aufgegeben.
Das war mal mein Versuch Anfang Dezember über ein ganz und gar unaktuelles Thema zu schreiben. Würde gerne nächste Woche mal von dir etwas hören, dass mit der Wasserqualität in Freibädern zu tun hat. Wehe in einem deiner nächsten Briefe kommen irgendwie die Worte Advent, Adventskalender oder Adventskranz vor.
Also Freibäder, ja?
Falls du überhaupt bis hierhin gelesen hast.
Aber wir waren bei den Abgründen.
Also etwas, das für mich in jedem Fall mit Abgründen zutun hat, das sind die sprachlichen Verlogenheiten. Ich meine das keiner mehr das zu meinen scheint, was er sagt. Und je bedeutender der gesellschaftliche Status, desto größer die Verlogenheit. Das klingt jetzt erst mal so nach Klassenkampf, aber warte mal.
Also pass auf. Ich war gestern mit N. auf der Weihnachtsfeier ihrer Firma. Nur gut betuchte Menschen, Frauen widerlich aufgerüscht, Männer schlicht ekelhaft. Und ich dazwischen verstehe auf einmal warum es einen Sektempfang gibt. Ich brauche in diesem Moment auf jeden Fall etwas, an dem ich mich festhalten kann. Wie auch immer es kommt eine Dame auf mich zu. Eine Dame zwar, owohl kaum älter als wir, aber halt dieses damenhafte. Haare vom Friseur gewaschen und gelegt ( ja es gibt tatsächlich Menschen, die zum Friseur gehen, ohne sich die Haare schneiden zu lassen), das Kleid teuer und passend zu Schuhen und selbst die Haarspange greift irgendwie das graphische Design der Tasche auf.
Auf jeden Fall wir werden vorgestellt. Ich sage " Anna,Hallo", und W., wie sie heißt sagt "Hallo Anna, sehr erfreut dich kennen zu lernen".
Sagt sie mit einem Lächeln und wiegt ihr perfekt geschminktes Gesicht hin und her, während ihr eine Locke wie zufällig in die Stirn fällt.
Und ich frage mich wieso sollte es sie freuen ausgrechnet mich kennen zu lernen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es an den zahlreichen Gemeinsamkeiten liegt, die uns verbinden.
Ich meine ich sage ja auch "Guten Abend". Aber das mein ich ja auch so. Es gibt wenige Leute, denen ich nicht einen guten Abend wünschen würde. Weil, was heißt das schon. Einen guten Abend im Leben hat ja jeder irgendwie verdient. Also fast jeder.
Nach dem Fünf-Gänge Menü bin ich, auf dem Weg nach draußen treffe ich W. wieder.
"Hat mich sehr gefreut sie kennen zulernen" sagt sie zu einem Mann mit Fliege, der schon einige dieser Menüs hinter sich zu haben scheint.. Wenn man gemein sein möchte könnte man sagen: Er ist unglaublich fett. Aber das tut der Nettigkeit der Dame keinen Abbruch. Denn wenn du der Chef bist, dann kann keine Wampe der Welt dich vor Sympathiebekundungen schützen.
Ich denk mir nur. Mal abwarten vielleicht verabschiedet sie sich ja auch noch von mir und dann werde ich ihr mal was erzählen, über die sprachlichen Verlogenheiten unseres Alltags. Und während mein Kopf, na gut einige Gläser Halbtrockenes intus, schon eine wahre Hassrede vorbereitet, wendet sie sich zu mir,
"Wir haben uns ja schon kennengelernt"
sagt sie mit hochgezogener Augenbraue, die Locke steht ab, und das Lächeln wirkt ein wenig eingefroren.
Und ich stelle bestürzt fest, dass ihr die Wahrheit wirklich nicht steht.
Soviel von mir,
Alles Liebe Anna
PS: Wahrscheinliche bin ich der einzige Mensch, der zwei Seiten schreibt, aber kaum etwas erzählt – Adalbert Stifter jetzt mal ausgenommen.
PPS: Meine Mitbewohner haben meine neu entflammte Sammelleideschaft gnadenlos boykottiert und alle Pfandflaschen weggeschmissen
PPPS: Auf dein Erlebenis mit H. Bin ich bewusst nicht eingegangen. Denn dann hätte ich meinerseits über meine Erfahrungen mit der Katzen kastrierenden E. schreiben müssen. Das wäre eindeutig zu weit gegangen.
anna iljana - 23. Nov, 21:18
